Herzklopfen

Abendliches Herzklopfen beeinträchtigt mich in meinen Gefühlen.
Ich bin derzeit dabei mein kleines Zimmer leer zu machen und Dinge auszusortieren, die ich schon lange nicht mehr verwendet habe. Ich bin bisher mäßig erfolgreich, da ich mich eher an Kleinigkeiten aufhalte. Mein altes und kaputtes Bett ist aber schon Mal zum größten Teil in seine Einzelteile zersetzt.

Mein Herzklopfen wird aber von etwas ganz anderem ausgelöst.
Ein Verflossener meiner Freundin hat sich gemeldet. Es ist eine komplizierte Geschichte, aber ich probiere es mal zu erklären:

Meine Freundin hatte mal was mit einem Typen, weit bevor wir uns kannten, doch der hat ihr Herz gebrochen. Vielleicht war sie in ihn verliebt, vielleicht aber auch nur in die Vorstellung mit ihm zusammen sein zu können. Sie wollte in erster Linie, dass er in sie verliebt ist, sagt sie heute, aber ich glaube es nicht so richtig. Bis hier hin ist alles klar.
Wenn ich ihr Glauben schenken mag, dann haben die zwei sich aufgerafft und wurden Freunde und immer wenn sie in seiner, oder er in unserer, Stadt war, wurde gepimpert. Freundschaftlich.

Irgendwann haben wir uns kennen gelernt. Also ich und meine Freundin. Dieser Typ kam in unsere Stadt, da aber zwischen uns zu dem Zeitpunkt nichts gelaufen ist und sie zu dem Zeitpunkt keinerlei Gefühle für mich hegte, hat sie sich natürlich wieder alle Kleider vom Leib reißen lassen und sich ihrer fleischlichen Lust hingegeben.
Ich erinnere mich noch sehr gut, denn ich war der Erste, der davon erfuhr. Es tat damals, wie heute, in der Brust weh. Aber dieser Schmerz hat im Prinzip keine Daseinsberechtigung, denn wir waren nicht zusammen und von daher ist es absolut legitim, was sie dort gemacht hat, obwohl sie wusste, oder ahnte, was ich für sie empfinde.

Etwas mehr als ein halbes Jahr später wurden wir dann zum Paar. Ich war froh und glücklich sie endlich zu haben. Ich habe mir nämlich echt große Mühe gegeben und um sie gekämpft, so wie ich es heute immer wieder für sie tun würde. Ich habe leider die Rechnung ohne den Typen gemacht, der etwas mehr als einen Monat später in unsere Stadt kam und natürlich bei meiner Freundin schlief.
Sie sagte damals nämlich: „DU bekommst MICH, wenn du IHN akzeptierst.“
Ich schluckte die bittere Pille und habe auf meine Freundin vertraut, dass zwischen ihnen nichts mehr laufen wird.
Es gab zwei Sachen die mich beunruhigt haben:
1.) Meine Freundin macht sich außerordentlich chic für ihn. Bis heute habe ich sie nie wieder so hübsch gesehen.
2.) Der Typ blieb bloß eine Nacht!

An dem Abend war ich einfach nur kaputt, müde und total erschöpft, sodass ich nie und nimmer eine Nacht mit denen hätte durchhalten können. Ich wollte nicht mit ihm in der Karaoke Bar sein, ich wollte nicht mit ihm in eine Kneipe gehen und ich wollte auch nicht mit ihm einen trinken. Ich war froh, dass ich müde war und somit keine Ausrede suchen musste um nicht dabei sein zu können. Meine Freundin akzeptierte es und wir holten den Typ gemeinsam von der Bahn ab. Meine Freundin wollte, dass ich ihn kennen lerne und feststellen soll, dass er ein netter Typ ist (das war er!).
In der Tat unterhielten wir uns prächtig, aber ich weiß wer er ist und was er getan hat, er hingegen kennt nur meinen Namen und mein Gesicht. Er weiß nichts von mir und auch nicht wie unberechenbar ich sein kann und was ich schon alles getan habe.
Ich erfuhr, dass meine Freundin und er spaß hatten. Freundschaftlichen, asexuellen und unverfänglichen Spaß auf der platonischen Ebene.
Soweit, so gut.

Erst letzte Woche erfuhr ich, weil ich dem Frieden nie getraut habe, dass er sie geküsst hat und sie es über ein Jahr vor mir verschwiegen hat, nur um mich nicht zu verlieren. Ich habe ihr gesagt, dass das keine Konsequenzen hat, da ich ihr tatsächlich Glaube, dass er sie geküsst hat und sie ihn zurückgewiesen hat. Ich glaube ihr, wenn sie sagt, dass sie keinen Sex hatten und das sie ihn nicht wollte, weil sie mich hat. Es ist absolut okay für mich.
Ich mag ihn nur einfach nicht und wenn ich ihn das nächste Mal sehe, dann wird eine gehörige Tracht Prügel von mir beziehen. Er wusste, dass wir zusammen sind und seine Erklärung, warum er mit meiner Freundin schlafen wollte war: Er wolle, bevor er heiratet, mit DEN 4 Frauen in seinem Leben schlafen, die ihn auf eine „neue Ebene“ geholfen haben. Seine persönlichen Meilensteine, sozusagen. Frechheit.

Ich weiß von all den Sachen, die sie gemacht haben und wie er sie behandelt. Er mischt sich ein alkoholisches Getränk und eines für meine Freundin gleich mit. Obwohl sie kein Alkohol mag – und deswegen nicht mit mir trinken möchte – kippt sie sich das Zeug genauso schnell hinter die Binde wie er ihr das Glas hingestellt hat. Wenn sie sich heute nochmal sehen, würde es genauso ablaufen.

Mein Herzklopfen wird also von der Tatsache verursacht, dass sich der Typ heute Abend wieder bei ihr gemeldet hat, nachdem die beiden so lange keinen Kontakt mehr hatten. Ich habe natürlich gefragt was er geschrieben hat und das einzige was ich bekomme sind Gesprächsfetzen, die meine Freundin aus ihrer Erinnerung zusammengesetzt hat. Ich hätte gerne Zitate, traue mich aber nicht zu fragen, weil ich eh schon Eifersüchtig genug bin und sie mit diesem Verhalten nicht verlieren will.

Ich denke, ich werde sie aber trotzdem mit der Tatsache konfrontieren, dass ich immer nur diese Gesprächsfetzen bekomme, denn ich habe dadurch das Gefühl, sie würde mir mit Absicht etwas verheimlichen.

Keine Antwort

Es ist spät. Sehr spät und ich weiß schon nicht mehr wieviel Uhr wir derzeit haben, obwohl ich erst vor gefühlten 3 Minuten auf die Uhr geschaut habe. Und vor 2 Minuten. Und vor etwa 20 Sekunden. Meine Konzentration ist derzeit nicht sehr gut und ich weiß nicht, ob es an der tödlichen Männergrippe liegt (bei Frauen wäre es ein leichter Schnupfen) oder an dem Gespräch, dass ich mit einen meiner besten Freunde geführt habe.

Mein Freund T. und ich spielen gerne zusammen ein Spiel. Also insgesamt spielen wir nicht nur gerne ein Spiel, aber dieses eine Spiel spielen wir besonders gerne. Ein Gewinner oder Verlierer ist an einem Abend nicht auszumachen. Es bedarf gut und gerne mehrere Partien über mehrere Stunden wo wir dieses Spiel immer weiter spielen, aber das ist nicht so wichtig. Da T. nicht in der gleichen Stadt wohnt wie ich, bleibt uns nichts anderes übrig als uns online zu verabreden und uns dann über einen In-Game-Voice-Chat zu unterhalten und unser Spiel zu spielen.

Da wir lange nicht auf diese Weise kommuniziert haben und uns, in gewisser Weise, vermisst haben, sprachen wir über vieles, was in den letzten Tagen, Wochen und Monaten passiert ist.
T. studiert aktuell Psychologie und aufgrund meines großen Vertrauens zu ihm, kennt er mich und meine Geschichte schon ziemlich gut.
Kennen gelernt haben wir uns in unserer Berufsausbildung auf einem Seminar. Alle Azubis aus ganz Deutschland trafen sich damals an dem einen Punkt, ziemlich zentral, zu einwöchigen Seminaren. Schon damals hat er nicht in meiner Stadt gelebt und auch wenn wir beide, inzwischen, nicht mehr in unserem Unternehmen arbeiten, blieb der Kontakt bestehen und ich bin froh und dankbar darüber.

T. ist ein sehr schlauer und reflektierender Mensch. Er analysiert Situationen und Verhaltensweisen gekonnt und schafft es seinem Gegenüber das auch wissen zu lassen, aber nicht auf diese überhebliche Weise von wegen „Ich habe dich durchschaut“ oder so. Er regt zu ganz neuen und anderen Gedankengängen an, abseits der Norm und vollkommen losgelöst von dem üblichen Verhalten. Wenn man ihn kennt, kann man das Ganze auch sehr gut umgehen. In gewisser Weise bereitet es mir Spaß ihn auf eine falsche Fährte zu locken um den richtigen Weg dann als Überraschung zu offenbaren, dafür muss ich auch nicht selten die Grenzen der Wahrheit neu definieren.

Heute Abend aber, hatten wir wieder mal das Thema Religion. Ich bin gläubiger Christ. Er nicht. Er glaubt daran an 3 Mahlzeiten am Tag und einem Nachtisch. Das ist alles vollkommen okay für uns, denn wir mögen uns nicht wegen der Konfession sondern weil wir auf einer Welle surfen. Weil wir uns verstehen, weil wir den gleichen Humor haben und weil wir viel Wert auf die Meinung des anderen legen und uns Vertrauen.

Er sagte dann irgendwann, dass er es nicht verstehen würde, dass ich so beharrlich an Gott glaube und das obwohl ich ein gar nicht mal so doofer Mensch bin und so kam es, dass ich ihm von dem Tag erzählte, als sich alles änderte.

2005. Es ist jetzt 10 Jahre her. Vor wenigen Monaten war der 10. Todestag von meinem besten und engsten Vertrauter. Mein Verbündeter. Es ist dreht sich nicht um meinen Vater, sondern um seinen Bruder, also meinem Onkel. Ich habe ihn auch immer mit Onkel begrüßt und seine letzten Worte zu mir, hallen immer noch nach.
Es war das erste Mal, dass mir der Boden unter den Füßen weg gezogen wurde und ich haltlos in ein Loch fiel, was mich für viele Jahre behalten sollte. Ich bin seit dem nicht mehr der „alte“ Junge.

Die Nachricht erhielt ich sehr überraschend. Es war ein Donnerstagmorgen, kurz vor Mittag.
Das Telefon klingelte, daraufhin stieg mein Papa in ein Taxi und fuhr in das Haus, in dem wir später auch mal für einige Zeit wohnen sollten. Es war das Haus meiner Oma, indem die einzigen Brüder meines Vaters mit meiner Oma zusammen lebten. Keiner konnte ahnen, dass mein Papa ab dem Jahr Einzelkind sein würde.
Irgendwann erhielt ich die traurige Gewissheit, dass er nicht mehr war. Ich hatte da zum ersten Mal das Gefühl, dass ich irgendwas sagen musste. Ich konnte es doch nicht einfach so hinnehmen, dass mein Onkel gestorben war. Ich musste ihm doch noch sagen, dass er mir fehlen wird, dass er mein Freund ist und ich immer an ihn denken werde. Stattdessen erinnere ich mich an unser letztes Sehen. Es war der Dienstag davor. Wie immer saß ich oben bei ihm in seinem Wohnzimmer und wir schauten Fußball oder irgendwas anderes. Zweimal wöchentlich war ich damals dort. Dienstags und samstags und habe nach dem Rechten geschaut. Auch meine älteste Schwester war immer dort, sie war aber immer das Oma Kind. Wir kauften ein, haben uns um die Wäsche, den Abwasch und Unterhaltung gekümmert.

Die Verabschiedung lief auch so ab, wie immer. Als Kind gab es immer ein Kuss auf die Wange, mit dem Alter wurde aus dem Kuss ein Hände schütteln, dass noch später zu einem leichten Salut wurde. Ich salutierte und sagte immer: „Onkel, wir sehen uns Samstag“, oder eben „Dienstag“. Er antwortete immer: „Junge, ja, bis Samstag“, oder eben „Dienstag“.
Wie gerne hätte ich ihm an dem Dienstag gesagt, dass ich mich freue ihn als Onkel zu haben. Pustekuchen.

Es kam der Donnerstag des Grauens. Das Klingeln des Telefons. Die Information von meinem Papa, dass er ins Haus fährt und das es um dem Onkel geht. Ich weiß nicht mal mehr wo Mama war, oder meine andere Schwester. Meine älteste fand unseren Onkel ja leblos in seinem Bett.
Irgendwann klingelte nochmal das Telefon. Es war die Freundin meiner zweiten Schwester die auch von unser Zugehörigkeitsgefühl weiß. Sie fragte, wo denn alle seien und was los sei und ich berichtete. Ihr saß der Schock tief, während ich versuchte meine Fassade aufrecht zu erhalten. Ich bemühte mich um ein hartes äußeres. In meinem Kopf drehte sich alles und der einzige Gedanke, den ich hatte war „Bloß nicht einbrechen!“.

Irgendwann fragte sie mich: „Und nun?“
Meine Antwort kam nur zitternd aus meinem Mund: „Ist er tot!“
Ich habe die Fassung verloren, die Fassade bröckelt, die Tränen laufen durch das Gesicht, das Kinn zittert und nun drehen sich meine Gedanken nicht mehr und ich habe es ausgesprochen und damit wurde es real für mich. Nun ist er nicht mehr da.
Die Freundin legte auf und berichtet später meiner Schwester, dass sie glaubt, ich hätte am Ende geweint und sie wollte deswegen nicht noch einmal anrufen, da sie sich nicht sicher war. Es war ein gottverdammter Staudamm der einbrach. Eine komplette Entgleisung meiner Gefühle und zum ersten Mal war ich tottraurig und am Boden zerstört. Ich wollte so etwas nie wieder erleben.

Die folgenden Monate haben mich komplett verändert. Ich wollte selbst nicht mehr leben. Ich wollte nicht ohne meinen Freund auf dieser Welt sein. Ich wollte nicht mehr alleine sein. Ich wollte vor allem nicht, dass er geht ohne mich zu fragen. Wer hat entschieden, dass ich ihn nicht mehr sehen darf und warum? Was habe ich getan, dass ich nichts mehr mit ihm erleben darf? Was?

Keine Antwort!

War ich ein so schlechter Mensch, dass ich jetzt bestraft werden muss?

Keine Antwort!

Wann werde ich ihn wieder sehen oder werde ich ihn überhaupt jemals wieder sehen?

Wieder keine Antwort!

Ich begann über den Tod nachzudenken. Dieser ganze Prozess dauerte ca. 2 Jahre. Am Ende sollte ich davon überzeugt sein, dass ich an Leben und Tod nichts ändern kann. Menschen sterben und es ist meine Prüfung mit dem Schmerz umzugehen, zu weinen und loszulassen. Ich muss einfach nach vorne schauen und hoffen, dass es irgendwann wieder besser geht. Leben kommt und Leben geht.
In der Summe unserer Teile sind wir alle gleich, der einzige Unterschied ist die Anordnung. Ich glaube fest daran, dass Gott seine Gründe hat, warum er uns unsere Lieben wegnimmt. Vielleicht hatten sie einen Auftrag zu erfüllen und waren nun fertig. Vielleicht sollten sie alle mich bis zu einem gewissen Punkt begleiten und beeinflussen und der Tag ihres Todes sollte der Tag sein, an dem sie damit aufhören sollen. Gott, ich gehe mit dir in ein hartes Gericht, wenn ich mal dran bin. Ich werde viel einfordern.

10 Jahre in der Zukunft: Heute.
Mein liebster Onkel. Ich vermisse dich und tatsächlich gab es bisher keinen Tag wo ich nicht an dich denke. Ich könnte ab und zu einen deiner Ratschläge gebrauchen oder einen witzigen Kommentar. Jemanden, der mir seine Meinung ungefragt und direkt aufs Auge drückt und vor allem eines: Ich brauche dich, weil du immer zu mir gesagt hast, dass ich bleiben soll wie ich bin. Das ich das schon richtig mache. Dass ich es schaffe. Ich brauche Mut, denn ich habe Angst, dass mir das alles aus den Händen fällt.
Seit dem Papa bei dir ist, ist es noch schwerer für mich nach vorne zu sehen, bisher sehe ich nur Nebel.

Nach wie vor: Keine Antwort!

Alltägliches

Seltsamerweise fühle ich mich erstaunlich gut. Prinzipiell ist das ja nichts Schlechtes, aber irgendwie fühlt es sich nicht richtig an. Ich dachte daher, dass ich es mir jetzt nicht so gut gehen sollte.

Ich fange mal ganz vorne an:
Meine Freundin studiert jetzt, vor 13 Tagen war ihr erster Tag und natürlich freue ich mich für sie, dass sie ein neues Ziel hat. Einziges Problem ist: Ich habe Angst, dass sie jemanden kennen lernt und ich dann nur noch zweite oder – schlimmer – dritte Wahl bin. Neben der ganzen Eifersucht und den Verlustängsten stehe ich vor einem viel größerem Problem: Ich brauche eine Wohnung. Und zwar am besten schon gestern. Ich habe ja hier mein kleines gemütliches Zimmer in der Wohnung meiner Mutter, aber da ich die meiste Zeit bei meiner Freundin bin und nicht daheim und diese Wohnung viel zu groß ist, hat sie sich auf die Suche gemacht. Mithilfe meiner Schwestern hat sie inzwischen etwas gefunden, dass gut für Sie ist. Meine Bemühungen hingegen eine Wohnung für mich zu finden, waren bisher vollkommen erfolglos und so rückt der Tag immer näher, dass meine Sachen in den Kellerräumen meiner Schwestern verschwinden und ich übergangsweise bei meiner Herzdame einziehe. Irgendwie ist das nicht gut. Und trotzdem fühle ich mich noch erstaunlich zuversichtlich und habe keine Angst. Dann kommt hinzu, dass ich krank bin. Volle Kanne Grippe mit allem was dazu gehört. Fieber, Hals-, Kopf- und Gliederschmerzen. Mein Hals fühlt sich so an, als ob ich Stacheldraht gefuttert hätte und deswegen versuche ich es zu vermeiden zu husten, zu schlucken oder andere Dinge zu tun, die mit meinem Hals zu tun haben. Aber irgendwie kann ich nicht sagen, dass es mir extrem schlecht geht.
Jetzt wo ich noch darüber nachdenke, eine Sache gibt es, die mich beunruhigt. Es ist meine Krankheit in Verbindung mit meiner Probezeit. Natürlich ist es unterm Strich besser, wenn man einmal nur kurz krank ist und nicht zu einem späteren Zeitpunkt richtig lange, aber trotzdem finde ich, solltet man nicht in den ersten 3-6 Monaten krank sein. Das kommt echt nicht gut an und deswegen hoffe ich, dass das keine weiteren Auswirkungen auf mich oder meinem Arbeitsleben haben wird. 2,5 Monate ohne krank zu sein ist halt jetzt leider auch nicht dieser Megaverdienst.

Ich hatte in den letzten Tagen noch ein paar Phasen, in denen ich in ein tiefes Loch gefallen bin. Meine Freundin kannte meinen Papa nicht, denn er ging von uns da lief zwischen uns noch nichts und als es sich angekündigt hat, dass es zu Ende geht, da wollte ich sie nicht mit ins Krankenhaus nehmen, obwohl er es sicher toll gefunden hätte. Aus diesem Loch kann mir leider keiner raus helfen, deswegen habe ich mich versucht abzulenken. Nichts hilft besser als Normalität und so verbrachte ich das Wochenende damit, ganz normale Dinge zutun um mich wieder in die Spur zu bringen. Es hat geholfen.

So gesehen, hat meine Freundin doch ihren Anteil daran, denn sie war bei all dem dabei und es gibt niemanden, den ich mir mehr an meine Seite wünsche, als sie.

Träume voller Tränen

Ein weiterer Tag vergeht. Ein Tag an dem mein Kopf verrücktspielt. Im Laufe des Tages merkte ich wie meine Gedanken den Fokus verlieren. Den Blick für das wesentliche. Ich erinnere mich, wie es damals war und in mir steigt das Gefühl des Vermissens hoch. Statt mich auf meine Arbeit zu stürzen und engagiert zu Werke zugehen, bin ich wie im Delirium. Ich will nicht im hier und jetzt sein, sondern an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, mit anderen Menschen. Es gibt zu viel, was ich noch sagen muss. Ich habe das Gefühl, dass ich das nur dann kann, wenn ich schlafe und von ihnen Träume.

Tatsächlich sitze ich an meinem Arbeitsplatz. Mir gegenüber meine Kollegin. Uns trennen zwei Tische voneinander und die versetzt aufgestellten Monitore bieten genug Sichtschutz, sodass ich tatsächlich in einen Sekundschlaf falle. Sie bekommt davon nichts mit. Eine viel zu kurze Nacht hinterlässt ihre Spuren in meiner Konzentration. Ich kämpfe mich Minute um Minute, Stunde um Stunde durch den Arbeitsalltag um pünktlich zum Feierabend nahezu hellwach zu sein.

Ich träume mit weit geöffneten Augen. Ich sitze im Bus und die anderen Passagiere sind wie Staubkörner und ziehen an mir vorbei.

Damals, am Monatsanfang als frisch das Geld vom Amt auf das Konto meiner Eltern ging, da hatte mein Vater ab und zu einen „Aussetzer“. Er hob einige hundert Mark vom Konto. Er ließ immer so viel auf dem Konto, dass die Fixkosten gedeckt waren. Mit einem frisch gefüllten Portemonnaie ging er in die nächste Kneipe, bestellte sich ein, zwei, drei oder vier Bier und schmiss ein 5 Mark Stück nach dem nächsten in den Spielautomaten. Mein Vater war ein guter Spieler, keine Frage, aber am Ende gewinnt immer die Bank, oder in dem Fall der Wirt. Meistens kam er mit einem leichten Plus nach Hause, aber statt in Scheinen hatte er das Geld in Münzen bei sich.
Man konnte sich die Uhr danach stellen, dass meine Mutter am nächsten Morgen ein so großes Fass aufgemacht hat, sodass sich mein Vater gewünscht hat, er hätte so ein Fass da um es auszutrinken. Es war einer dieser vielen kleinen Kriege die meine Eltern führten. Mein Vater vertrat immer die Meinung, dass man auch Leben muss und etwas zu Essen und zum Trinken da haben muss, damit es einem gut geht. Meine Mutter war da eher der Meinung, dass erst die Rechnungen, dann die Schulden und dann das Essen und Trinken dran kämen. Ach, ich habe vergessen, zwischen Schulden bezahlen und Essen und Trinken gliedert sich immer der Tabak ein. Wenn meine Eltern nichts zu rauchen hatten, waren sie unausgeglichene und unfreundliche Menschen, da war es uns als Kinder lieber, dass sie rauchen und wir einmal mehr mit Hunger ins Bett gingen, statt deren Launen abzubekommen.

Kurz komme ich zurück in das Hier und Jetzt und frage mich allen Ernstes, ob es das ist was ich vermisse. Es ist nicht diese Situation. Es ist eher der Mensch. Mein Vater. Er hatte viele Fehler, er hatte ein Spielproblem und doch verstehe ich, dass er aus seinem „Alltag“ für ein paar Stunden fliehen musste. Ich wusste doch was er durchgemacht hat und auch wenn ich seine Situation noch nicht verstand und erstmal nur das schlechte in seinem Verhalten sah, so wird mir heute bewusst, dass er das für sich tun musste, so wie ich für mich auch Dinge tu, die nur mir gut tun.
Meine Mutter ist und war schon immer Weltmeister darin zu knausern, keinen Spaß zu haben und immer schlechte Laune zu verbreiten. Das ist auch kein Leben.

Ich soll wieder in meine Gedankenwelt zurückgeholt werden und ich sehe mich, als ich ein noch kleinerer Junge war. Meine Mama war auf Kur irgendwo im Harz und mein Papa hatte das „Kommando“ übernommen. Er schwur mich und meine Schwestern ein. Zuckerbrot und Peitsche, der Haushalt macht sich nicht von alleine und wenn wir Schokolade haben wollten oder hier und da mal eine Kleinigkeit, dann wussten wir was zu tun war. Um die Wäsche und um das Essen hat sich mein Vater gekümmert. Müll, Abwasch und Aufräumen übernahmen wir drei. Mein Vater fing an „Rituale“ einzuführen, solange unsere Mama nicht da war. Die Mädchen haben im Bett gelesen oder Musik gehört und meine letzte Stunde des Abends sollte meinem Papa gehören. Wir haben getobt, gelacht und uns Dinge erzählt. Eine ähnliche Situation habe ich danach nur noch einmal erlebt. Die letzten 7 Tage seines Lebens sollten mitunter mir gehören. Es waren traurige und schöne Tage zugleich, da wir wussten was passieren wird.

Der einzige Unterschied zu damals war, dass wir Jahre später nicht mehr toben konnten, stattdessen hielt ich seine Hand und weinte. Ich weinte aber nicht um ihn, sondern um mich. Ich war noch nicht bereit alleine zu sein. Ich bin es immer noch nicht. Mein Papa sprach mit gebrochener Stimme zu mir: „Mein Sohn, weine nicht um mich.“ Es war bereits ein Meer aus Tränen, das sich unter uns ergoss und so kam es das Vater und Sohn weinten. Wenn er nicht gestorben wäre, dann weinen sie noch heute.

Meine Geschichte

Aller Anfang ist schwer und so sitze ich heute, wie so oft, abends alleine in meinem kleinen Zimmer in der Wohnung meiner Mutter und tippe den x-ten Text in die überteuerte Tastatur meines PCs und hoffe, dass dieses mal etwas Besseres daraus wird als bei den letzten 700 Mal.

Ich, ich bin ein Junge, eigentlich schon eher ein Mann, aber der Mann in meiner Familie ist tot. Mein Papa. Er war nie mein Held und er hatte viele Fehler, aber er war mein wunderbarer Papa. Ich weine, ich weine oft, denn ich weiß, dass mir Tränen zustehen und Schmerz will gespürt werden, genau so sehr wie es die Liebe auch will. Ich versuche nur dann zu weinen, wenn ich alleine bin. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich bisher immer nur für mich alleine weinen konnte.

Ich habe vieles in meinem Leben, doch alles in meinem Kopf dreht sich um die Menschen, die ich viel zu früh gehen lassen musste. Ich habe eine Freundin, eine Mama und zwei Schwestern, die auf ihre eigene Weise stark, selbstbewusst und nervig sind. In meiner Familie war ich lange Zeit der jüngste, ich war das Dritte von drei Kindern, doch inzwischen hat meine älteste Schwester selbst schon Kinder und ich sehe mich immer noch, zumindest ab und zu, wie wir in unserer viel zu kleinen Wohnung, damals, uns fast alles teilen mussten. Ich habe mir ein Zimmer mit meinen beiden älteren Schwestern geteilt, wir schliefen manches Mal in guten Betten und oft auch einfach nur auf einer Matratze auf dem nackten Betonboden.

Natürlich wurden die Zeiten irgendwann besser, vielleicht waren sie damals auch schon nicht schlecht, es mangelte uns ja nicht an einem Dach über dem Kopf oder an Essen, wobei Zweites schon ganz gerne Mangelware war, denn oft haben Mama und Papa das wenige Geld, das wir hatten, für ihre Sucht, den Zigaretten, ausgegeben. Heute sagen alle, dass Tabak teuer geworden ist, ich weiß seit ich ein kleiner Junge war, dass Tabak verdammt teuer ist, wenn du drei Kinder hast, die etwas zu Essen mit in die Schule nehmen wollen und es nicht können, weil die letzten 5 Mark des Monats gerade in Rauch aufgehen.

Ich sollte Vieles lernen. Das meiste habe ich einfach und schnell begriffen, Einiges habe ich nicht so leicht verstanden. Irgendwann kam der Zeitpunkt, da war ich in der 3. Klasse, oder so, jedenfalls haben wir gerade das kleine Einmal Eins gelernt und ich hörte wie sich eines Abends Papa mit den beiden Mädchen unterhielt. Ich hörte ihn ein Satz sagen, den ich selbst noch Millionenmal von ihm hören werde: „Bildung ist das Wichtigste! Geh zur Schule, mach Abitur und studiere und du kannst alles werden was du willst. Mach etwas aus deinem Leben, habe selbst ein besseres Leben als wir und lerne.“ Vielleicht war es nicht genau der Satz, aber sinnbildlich war er es schon. Ich habe an diesen einen Satz geglaubt, ich habe ihn mir selbst ganz oft vorgesagt und ich wollte nicht so leben wie ich lebe. Ich wollte nicht so werden wie meine Eltern: Rauchende Sozialhilfeempfänger, die ihren Kindern nichts Vernünftiges bieten können.

Ich war in der Grundschule und lernte zwar das kleine Einmal Eins, aber es sollte nicht das Einzige sein, was ich lernen soll.

Du wirst erfahren was ich alles lernen durfte, wie ich geworden bin und was mich ausmacht. Alles zu seiner Zeit.

Das ist meine Geschichte. Komm mit, ich möchte sie teilen.